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Chronisch krank und Eltern sein: Wenn die Energie nicht immer reicht

Oktober 11, 2026

„Du bist Elternteil. Du musst funktionieren.“

Vielleicht ist genau das ein Gedanke, den sich Menschen mit einer chronischen Erkrankung besonders oft selbst machen.

Denn Kinder warten nicht darauf, dass wir einen guten Tag haben. Sie wollen aufstehen, frühstücken, spielen, getragen werden, Geschichten hören und nach draußen gehen. Sie werden krank, haben Wutanfälle, brauchen Nähe und wollen nachts manchmal einfach nur jemanden bei sich haben.

Und das alles gilt auch dann, wenn der eigene Körper gerade eigentlich nach Ruhe schreit.

Ich lebe mit Hashimoto. Und ich bin unglaublich dankbar, dass ich überhaupt schwanger werden und ein gesundes Kind zur Welt bringen konnte. Für mich war das nicht selbstverständlich.

Gleichzeitig begleitet mich meine Erkrankung jeden Tag. Und ich merke immer wieder, dass meine Energiereserven nicht unendlich sind.

Wenn die eigene Energie schneller leer ist

Wenn meine Schilddrüsenhormone gut eingestellt sind, kann ich meinen Alltag meistens gut bewältigen. Wenn die Einstellung aber nicht passt, merke ich das deutlich.

Dann bin ich entweder müde, erschöpft und niedergeschlagen oder fühle mich aufgedreht, gereizt und schnell überreizt.

Hashimoto ist eine Autoimmunerkrankung und kann zu einer Schilddrüsenunterfunktion führen. Eine Schilddrüsenunterfunktion kann unter anderem Müdigkeit, Erschöpfung, Konzentrationsprobleme und depressive Verstimmungen verursachen. Eine gute medizinische Einstellung und regelmäßige Kontrollen sind deshalb wichtig.

Und dann sind da eben noch die Kinder.

Ich kann nicht einfach sagen: Heute geht es mir nicht gut, deshalb verschieben wir den Familienalltag auf morgen.

Die Kinder müssen trotzdem frühstücken. Eines braucht eine neue Windel, möchte auf den Arm oder hat schlecht geschlafen.

Manchmal ist das unglaublich anstrengend.

Sich zusammenzureißen funktioniert nur begrenzt

Früher habe ich mir öfter gedacht, dass ich mich einfach mehr zusammenreißen muss.

Geduldiger sein. Mehr Energie haben. Nicht so gereizt reagieren. Trotzdem spielen. Trotzdem rausgehen. Trotzdem ein gesundes Essen kochen.

Heute versuche ich, anders darüber zu denken.

Wenn mein Körper gerade weniger Energie zur Verfügung hat, kann ich nicht einfach durch Willenskraft zusätzliche Energie erzeugen.

Das bedeutet nicht, dass ich eine schlechte Mutter bin.

Es bedeutet, dass ich mit einer chronischen Erkrankung lebe.

Und das darf im Familienalltag berücksichtigt werden.

Wir dürfen den Standard heruntersetzen

An manchen Tagen ist ein Ausflug genau das Richtige. An anderen lieber der Weg auf die Couch.

Dann gibt es Butterbrot mit Gurken statt eines aufwendigen Familienessens. Das Kinderzimmer bleibt unaufgeräumt. Wir lesen dieselbe Geschichte fünfmal, weil es weniger Energie kostet, und gammeln im Bett, statt rauszugehen.

Und wenn jemand anderes die Kinder beschäftigen kann, während ich mich hinlege, nehme ich diese Möglichkeit dankend an. Stichwort: Notfallmama!

Ich glaube, mit einer chronischen Erkrankung müssen wir besonders gut darin werden, zwischen „Ich könnte“ und „Ich sollte“ zu unterscheiden.

Nur weil ich an einem guten Tag viel schaffe, heißt das nicht, dass ich das jeden Tag schaffen muss und kann.

Energie einteilen, statt ständig darüber hinauszugehen

Was mir hilft, ist meine Energie wie ein begrenztes Budget zu betrachten.

Wenn ich weiß, dass ein Termin ansteht, halte ich den restlichen Tag möglichst ruhig. Wenn die Nacht schlecht war, muss am nächsten Tag nicht auch noch der Haushalt perfekt sein.

Und ich versuche, Dinge einfacher zu machen:

Essen bestellen.
Den Tiefkühler plündern.
Einkäufe liefern lassen.
Termine verschieben.
Hilfe annehmen.
Die Kinder einfach einmal spielen lassen.

Das klingt banal, kann aber einen großen Unterschied machen.

Denn Selbstfürsorge ist nicht immer Yoga, ein Schaumbad oder eine Stunde Zeit für sich.

Manchmal ist Selbstfürsorge einfach keine zusätzliche Aufgabe auf die eigene Liste zu setzen.

Hilfe anzunehmen ist keine Niederlage

Wir wollen unseren Kindern alles geben. Und vielleicht möchten wir besonders deswegen nicht, dass sie wegen unserer Erkrankung auf etwas verzichten müssen.

Aber Kinder brauchen keine Eltern, die alles alleine schaffen und ständig über ihre eigenen Grenzen gehen.

Wenn Familie, der Freundeskreis oder andere Betreuungspersonen helfen können, sollte man das annehmen. Und wenn das eigene Umfeld nicht ausreicht, gibt es in Österreich großartige Anlaufstellen.

Die Organistaion Notfallmamas hat uns schon oft geholfen wenn es uns mal nicht gut ging und wir Unterstützung mit den Kindern brauchten.

Die Frühen Hilfen begleiten Familien mit Babys und Kleinkindern kostenlos und freiwillig, wenn der Alltag belastend ist oder Unterstützung gebraucht wird. Sie können auch dabei helfen, passende weitere Angebote (z.B. von der Caritas) zu finden.

Auch die Familienberatungsstellen bieten kostenlose und vertrauliche Beratung an.

Und bei gesundheitlichen Fragen ist die österreichweite Gesundheitsberatung 1450 rund um die Uhr erreichbar und kann dabei helfen, die passende medizinische Anlaufstelle zu finden.

Auch die eigene Gesundheit darf wichtig sein

Was ich mir selbst immer wieder sagen muss: Ich muss nicht einfach akzeptieren, dass ich ständig erschöpft bin.

Wenn sich Beschwerden verändern oder länger anhalten, lasse ich sie ärztlich abklären. Bei einer Schilddrüsenunterfunktion werden fehlende eigene Schilddrüsenhormone in der Regel durch synthetische ersetzt und die Dosierung bei Bedarf angepasst, dieser kann je nach Jahreszeit, Stresspegel, Gewicht und vielen anderen Faktoren aber oft schwanken.

Gerade bei Hashimoto und Kinderwunsch oder Schwangerschaft und in der Stillzeit ist eine gute Kontrolle der Schilddrüsenfunktion besonders wichtig. Sowohl für die Gesundheit dese Kindes als auch der Mutter.

Wir dürfen gleichzeitig dankbar und erschöpft sein

Eine chronische Erkrankung zu haben und gleichzeitig für Kinder verantwortlich zu sein, kann emotional unglaublich herausfordernd sein.

Da ist die Dankbarkeit für die eigene Familie.

Und gleichzeitig die Angst, nicht genug leisten zu können, nicht zu genügen.

Das schlechte Gewissen, wenn die Energie nicht reicht, nicht allen gerecht werden zu können.

Die Sorge, dass die Kinder die Erkrankung irgendwann als Belastung empfinden.

Und manchmal einfach die Enttäuschung darüber, dass der eigene Körper nicht so funktioniert, wie man es sich wünschen würde.

All diese Gefühle dürfen da sein.

Man darf glücklich über seine Kinder sein und trotzdem erschöpft von der Verantwortung.

Man darf dankbar sein und gleichzeitig traurig.

Man darf die eigenen Kinder über alles lieben und trotzdem manchmal denken: Ich kann gerade wirklich nicht mehr.

Das eine kann neben dem anderen existieren und beides hat seine Berechtigung.

Kinder brauchen keine perfekten Eltern

Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis.

Kinder brauchen keine Eltern, die jeden Tag gleich viel Energie haben. Keine Eltern, die immer geduldig sind, immer gesund kochen, immer spielen möchten und niemals überfordert sind.

Sie brauchen Eltern, die ehrlich mit den eigenen Grenzen und Ressourcen umgehen.

Auch an den Tagen, an denen wir langsamer sind.

Auch an den Tagen, an denen wir mehr auf der Couch liegen.

Auch an den Tagen, an denen wir sagen müssen: „Heute geht leider nicht so viel.“

Vielleicht können wir unseren Kindern damit sogar etwas Wichtiges vorleben: Auf den eigenen Körper zu hören ist keine Schwäche.

Manchmal bedeutet Stärke nicht, trotzdem alles zu schaffen.

Manchmal bedeutet Stärke, rechtzeitig zu sagen: Das ist heute zu viel für mich.

Und dann eine Pause zu machen.

Hilfe anzunehmen.

Die Erwartungen herunterzuschrauben.

Und darauf zu vertrauen, dass ein langsamer Tag nichts an der Liebe zu unseren Kindern verändert.

Denn chronisch krank zu sein und Kinder zu haben bedeutet einfach, dass wir unsere Energie anders einteilen müssen.

Aber es bedeutet nicht, dass wir weniger gute Eltern sind.

Wir müssen nicht jeden Tag alles geben.

Wir können einfach mit dem, was heute gerade möglich ist, gute Eltern sein. Stichwort: Good enough parenting.

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