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Wenn das Kind einen Elternteil bevorzugt: Was Eltern tun können
„Ich will Mama!“ – Wenn ein Kind einen Elternteil bevorzugt, kann das den anderen ganz schön treffen. Warum Kinder einen Lieblingselternteil haben, was dahinterstecken kann und wie Eltern mit dieser Dynamik umgehen können.
Ich bin Julia, Gründerin von Max & Molli und Mami von zwei zuckersüßen und sehr fordernden Mädchen. Unsere Große ist vier Jahre alt und wuchs in meinem Bauch heran, unsere Kleine hat vor 14 Monaten meine Frau zur Welt gebracht. Bei unseren beiden Kindern erleben wir gerade zwei völlig unterschiedliche Seiten dieses Themas.
„Du bist meine Lieblingsmami. Ich liebe dich mehr als die ganze Welt.“ sagte unsere vierjährige Tochter kürzlich zu mir. Und natürlich geht mir dabei das Herz auf.
Gleichzeitig weiß ich, dass dieser Satz für meine Frau weniger schön ist. Denn unsere Große bevorzugt mich nicht nur ein bisschen – sie tut es ziemlich eindeutig. Wenn sie sich weh tut, nachts aufwacht, müde ist oder Trost braucht, möchte sie meistens mich.
Mami soll kommen. Mami soll helfen. Mami soll trösten.
Meine Frau – in unserer Familie Mama genannt – ist bei ihr häufig die Nummer zwei – manchmal gefühlt sogar Nummer drei oder vier, wenn Oma und Omi gerade in der Nähe sind.



Kind bevorzugt einen Elternteil: Bei uns ist es ziemlich eindeutig
Unsere ältere Tochter habe ich 2022 zur Welt gebracht und insgesamt etwa dreieinhalb Jahre gestillt. Unsere jüngere Tochter hat meine Frau geboren und stillt sie bis heute. Ich habe unsere Kleine zusätzlich etwa sechs Monate mitgestillt.
Bei unserer Großen hat sich schon sehr früh eine deutliche Präferenz für mich entwickelt.
Besonders stark ist sie in Situationen, in denen sie emotional aufgewühlt ist:
- wenn sie sich verletzt hat
- wenn sie müde ist
- wenn sie nachts aufwacht
- wenn sie krank ist
- wenn sie einfach besonders viel Nähe braucht
Dann reicht es manchmal nicht, dass meine Frau – ihre Mama – da ist.
Es muss Mami sein.
Für mich ist das einerseits wunderschön aber auch oft anstrengend und überfordernd. Für meine Frau ist es verständlicherweise oft schmerzhaft, von ihrer Tochter abgelehnt zu werden.
Und dann gibt es bei uns das komplette Gegenteil
Unsere einjährige Tochter hängt sehr stark an meiner Frau, die seit der Geburt ihre Hauptbezugsperson ist. Sie wird noch sehr viel gestillt, ist noch nicht in Fremdbetreuung und verbringt entsprechend sehr viel Zeit mit meiner Frau. Dazu kommen noch einige gesundheitliche Herausforderungen die sie bereits mit einem halben Jahr zu mehrere Krankenhausaufenthalten gezwungen haben, auch hier war zwingendermaßen immer meine Frau mit ihr und bot ihr Halt und Sicherheit.
Wenn die Kleine mit mir alleine ist, wirkt sie manchmal fast ein bisschen traurig oder gedrückt. Sobald meine Frau auftaucht, hellt sich ihr Gesicht merklich auf. Meine Frau beschreibt, dass es mit unserer Großen früher genauso war, wenn sie mit ihr alleine unterwegs war.
Wenn man nur diese beiden Situationen betrachtet, könnte man leicht denken:
„Das eine Kind liebt Mama/i mehr.“
„Das andere liebt Mama/i weniger.“
Aber so funktioniert Bindung nicht.
Kinder lieben nicht nach einem Punktesystem
Ein Kind muss seine Liebe nicht gerecht zwischen den Eltern aufteilen.
Es muss nicht:
- 50 Prozent einen und 50 Prozent den anderen Elternteil lieben
- beide Eltern gleich oft umarmen/küssen/mit ihnen kuscheln
- beide gleich oft zum Trösten auswählen
- mit beiden gleich gerne alleine sein
Bindung ist keine Rangliste.
Ein Kind kann einen Elternteil in einer bestimmten Situation ganz eindeutig bevorzugen und gleichzeitig eine tiefe, sichere und liebevolle Beziehung zum anderen Elternteil haben.
Warum bevorzugen Kinder manchmal einen Elternteil?
Die Gründe dafür können ganz unterschiedlich sein.
Ein wichtiger Faktor ist die Lebensphase des Kindes.
Bei einem Baby, das noch häufig gestillt wird, kann die stillende Person beispielsweise besonders stark mit Nahrung, Nähe, Regulation und Einschlafen verbunden sein.
Aber auch Gewohnheiten spielen eine Rolle.
Wer bringt das Kind meistens ins Bett?
Wer tröstet nach einem Sturz?
Wer ist morgens als Erstes da?
Wer übernimmt bestimmte Pflegeroutinen?
Wer verbringt die meiste Zeit mit dem Kind?
Kinder bauen aus diesen vielen kleinen Alltagserfahrungen ihre Erwartungen auf.
Und dann gibt es natürlich auch Persönlichkeit.
Manchmal passen die Bedürfnisse eines Kindes gerade besonders gut zu dem, was ein Elternteil anbietet.
Und manchmal lässt sich die Präferenz gar nicht so eindeutig erklären.
Es muss nicht immer einen großen Grund geben.
Versuch, die Präferenz nicht persönlich zu nehmen
Das ist wahrscheinlich der wichtigste – und gleichzeitig schwierigste – Tipp.
Denn natürlich kann man sich rational sagen:
„Ich weiß doch, dass mein Kind mich liebt.“
Und trotzdem tut es weh, wenn man immer wieder abgewiesen wird.
Gerade deshalb hilft es, sich bewusst zu machen:
Die Präferenz des Kindes ist keine Bewertung meiner Elternrolle.
Ich bin nicht weniger wert, nur weil mein Kind gerade lieber mit dem anderen Elternteil kuschelt oder diesen verlangt.
Was hilft, wenn das Kind immer einen Elternteil will?
Es gibt keine Methode, mit der man einen „Lieblingselternteil“ einfach abschafft.
Das sollte auch gar nicht das Ziel sein.
Viel sinnvoller ist es, die Beziehung zum anderen Elternteil zu stärken – ohne Druck und ohne Wettbewerb.
1. Exklusive Zeit zu zweit
Das ist etwas, das wir bei unserer Großen besonders deutlich beobachten.
Je mehr exklusive Zeit sie mit meiner Frau verbringt, desto weniger intensiv wird ihre Präferenz für mich.
Dabei geht es nicht darum, drei Stunden lang ein spektakuläres Programm zu veranstalten.
Entscheidend ist nicht die Aktivität.
Entscheidend ist: Diese Zeit gehört nur euch.
Wichtig dabei: kein „Bestechen“ mit Belohnungen wie Eis/Süßigkeiten/Spielsachen oder Dingen, die der andere Elternteil nicht erlauben würde, um sich beliebt zu machen. Der Fokus soll auf der gemeinsamen Zeit liegen nicht auf „Goodies“.
2. Eigene Rituale schaffen
Der weniger favorisierte Elternteil sollte nicht versuchen, eine Kopie des Lieblingselternteils zu werden.
Viel schöner ist es, eigene Dinge zu finden, die nur ihr miteinander macht.
Bei uns gibt es zum Beispiel einige Dinge, die ganz klar „Mama-Dinge“ sind.
Meine Frau schaukelt unsere Große wilder an und spielt mit ihr lustiger und kreativer als ich.
Sie darf ihr die Haare auf eine ganz besondere Art waschen wie im Friseursalon.
Sie kann besser ihre Nägel schneiden & lackieren.
Sie geht gerne mit ihr Fahrradfahren und hat es ihr auch beigebracht.
Das klingt nach Kleinigkeiten. Aber für ein Kind sind solche Rituale unglaublich wichtig.
Es entsteht ein Gefühl von:
„Das ist etwas, das ich mit Mama mache.“
Und genau daraus entsteht Beziehung.
3. Die eigenen Stärken nutzen
Vielleicht kann ein Elternteil besonders gut klettern, schaukeln, kochen, basteln, Fußball spielen oder Lego bauen. Vielleicht ist einer geduldiger beim Vorlesen und vielleicht kann der andere besser herumalbern.
Es muss nicht alles gleich sein.
Kinder dürfen unterschiedliche Seiten ihrer Eltern kennenlernen.
Das macht ihre Welt größer.
4. Nicht nur die ungeliebten Aufgaben übernehmen
Ein Klassiker:
Der eine Elternteil wird zum Spaß- und Kuschel-Elternteil.
Der andere macht:
- Zähneputzen
- Anziehen
- Aufräumen
- Nägelschneiden
- Haarewaschen
- Schlafengehen
Wenn der weniger favorisierte Elternteil fast ausschließlich mit Pflichten verbunden ist, wird die Beziehung natürlich zusätzlich belastet.
Deshalb lohnt es sich, bewusst auch leichte, lustige und schöne Momente miteinander zu schaffen.
Nicht immer muss etwas erledigt werden.
Manchmal darf man einfach gemeinsam Spaß haben.
5. Den anderen Elternteil nicht ständig „retten“
Wenn das Kind sagt:
„Nein! Mama soll!“
ist es für den bevorzugten Elternteil oft leichter, einfach zu übernehmen.
Das funktioniert kurzfristig.
Langfristig kann es aber dazu führen, dass das Kind kaum erlebt, dass auch der andere Elternteil schwierige Situationen gut begleiten kann.
Wenn es die Situation erlaubt, kann man deshalb ruhig sagen:
„Du möchtest Mama. Ich weiß. Jetzt ist Mami/Papa bei dir und hilft dir.“
Dabei geht es nicht darum, das Kind mit seinem Kummer alleine zu lassen.
Es geht darum, Vertrauen aufzubauen:
Auch mit Mama/Mami/Papa bin ich sicher.
6. Gefühle dürfen da sein
Wenn ein Kind den anderen Elternteil ablehnt, muss man es nicht beschämen.
Nicht:
„Sei nicht so gemein zu ihm/ihr.“
Nicht:
„Er/Sie ist jetzt traurig wegen dir.“
Und auch nicht:
„Du musst mich auch liebhaben.“
Das erzeugt unnötigen Druck.
Besser:
„Du möchtest gerade Mama. Das verstehe ich.“
Und gleichzeitig:
„Ich bin trotzdem hier.“
Das Kind darf seinen Wunsch haben.
Und der andere Elternteil darf trotzdem präsent bleiben.
Was der bevorzugte Elternteil tun kann
Auch für den Lieblingselternteil kann diese Situation anstrengend werden.
Denn wenn immer nur eine Person zum Trösten, Einschlafen, Aufstehen, Anziehen und Kuscheln akzeptiert wird, bedeutet das auch:
Diese Person bekommt kaum Pause.
Deshalb finde ich es wichtig, dass auch der bevorzugte Elternteil die Beziehung des Kindes zum anderen Elternteil aktiv unterstützt.
Zum Beispiel:
„Heute liest Mama/Papa die Geschichte.“
„Papa/Mama kann dir jetzt helfen.“
„Ich weiß, du möchtest mich. Aber du bist bei Mama/Papa auch sicher.“
Dabei sollte man das Kind nicht zwingen.
Es geht vielmehr darum, den anderen Elternteil selbstverständlich in den Alltag einzubauen.
Auch für den Lieblingselternteil kann diese Situation anstrengend werden.
Denn wenn immer nur eine Person zum Trösten, Einschlafen, Aufstehen, Anziehen und Kuscheln akzeptiert wird, bedeutet das auch:
Diese Person bekommt kaum Pause.
Deshalb finde ich es wichtig, dass auch der bevorzugte Elternteil die Beziehung des Kindes zum anderen Elternteil aktiv unterstützt.
Zum Beispiel:
„Heute liest Mama/Papa die Geschichte.“
„Papa/Mama kann dir jetzt helfen.“
„Ich weiß, du möchtest mich. Aber du bist bei Mama/Papa auch sicher.“
Dabei sollte man das Kind nicht zwingen.
Es geht vielmehr darum, den anderen Elternteil selbstverständlich in den Alltag einzubauen.
Was bei uns besonders gut funktioniert
Was ich aus unserer eigenen Familie mitnehme, ist vor allem eines:
Nähe entsteht durch gemeinsame Erfahrungen.
Nicht durch ein großes „Jetzt müssen wir aber endlich eine bessere Bindung aufbauen“.
Sondern durch viele kleine Momente, genau daraus entsteht irgendwann die ganz eigene Beziehung zwischen Kind und Elternteil.
Wenn das Kind den anderen Elternteil plötzlich wieder bevorzugt
Und dann kommt noch etwas, das Eltern vielleicht beruhigen kann:
Diese Präferenzen können sich verändern.
Das Kind, das heute nur den einen möchte, kann in einigen Monaten plötzlich den anderen als Lieblingsmenschen entdecken.
Und manchmal wechseln diese Phasen sogar innerhalb eines Tages.
Unsere Kinder zeigen mir das gerade besonders deutlich und wer weiß, vielleicht sitzen wir in zwei Jahren da und alles ist komplett anders.
Auch interessant: ARD-Podcast zum Thema Lieblingselternteil
Wer noch tiefer in das Thema eintauchen möchte, dem empfehle ich eine Folge des ARD-Podcasts „Eltern ohne Filter“.
Die Folge trägt den Titel „Nicht das Lieblingselternteil sein – Wie macht ihr das denn?“ und beschäftigt sich genau mit der Frage, wie es sich anfühlt, wenn das eigene Kind einen Elternteil deutlich bevorzugt und den anderen zurückweist. Die Folge ist am 21. August 2026 erschienen und dauert rund 31 Minuten.
ARD Sounds – „Nicht das Lieblingselternteil sein – Wie macht ihr das denn?“
Ich finde gerade diesen Perspektivwechsel wertvoll, weil es zeigt: Mit diesem Gefühl ist man als Elternteil nicht alleine.
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